Von Rückfällen, Emotionen, Familie, und Schmerz!


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Geschrieben von Alfons - das Eichhörnchen am 22. Februar 2006 09:24:21:

Hallo zusammen,
ich hatte mich ja eigentlich schon aus dem Netz verabshiedet, und habe meinen Anschluss ja auch nur noch diesen Monat, aber ich möchte euch noch eben eine kleine Geschichte erzählen, einen kleinen Erlebnisbericht sozusagen.

"Von Rückfällen, Emotionen, Familie, und Schmerz!"

Eigentlich kann ich mich doch überhaupt nicht beklagen. Es geht mir gut, mein Studium macht mir Spaß, ich habe tolle Menschen um mich herum, eine liebe Freundin, und kann viele kreative Dinge tun, die mir Spaß machen. Wieso zum Teufel bekomme ich es dann mit dem Essen immernoch nicht hin? Was ist das Problem? In den letzten Monaten erlebte ich meinen Magen wieder wie ein Fass ohne Boden. Es ging einfach ständig was rein. Ich dachte ständig ans Essen, und aß auch ständig. Von Sättigung keine Spur. Immer der Gedanke; "Was ess ich denn als nächstes?". Und dabei bin ich nicht bei der Rohkost geblieben. Nein, fast masochistisch habe ich alles reingestopft, was ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen habe. Als wollte ich mich selbst quälen, hab ich so lange gegessen, bis der Bauch kugelrund, und aufgebläht war. Kommt euch das bekannt vor? Das die Seele damit etwas zu tun hat, davon wollte ich nichts wissen...

Meine liebe Freundin hat dann letztlich den Anstoß gegeben. Denn ihr ist etwas entscheidendes aufgefallen. Ihr ist aufgefallen, wie ich über meine Eltern spreche, besonders über meinen Vater. Sie sagte; "Andreas, ist es nicht komisch? Du sagst so oft, du hättest ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern, alles sei gut, du hättest dich nun abgenabelt, seist nun erwachsen, und doch erzählst du immer wenn du sie siehst, was dich verletzt...merkst du nicht, dass es scheinbar doch nicht so ok ist, wie du immer sagst?". Das war hart, sehr hart, darüber musste ich nachdenken, und mir eingestehen, das sie Recht hatte.

Wir redeten bis tief in die Nacht, und am nächsten Morgen, was soll ich sagen, ich wachte auf, und war satt. Das erste Mal seit Monaten habe ich mich hingesetzt, tief geatmet, in meinen Körper hineingehört, und ihn gefragt; "Na, brauchst du was? Hast du Hunger?", und er hat geantwortet; "Nein, ich brauche nichts, ich bin versorgt". Daraufhin bin ich joggen gegangen, und ich fühlte mich leicht und voller Energie.

Am letzten Wochenende habe ich dann meine Eltern besucht. Am Sonntag ging ich mit meinem Vater Schlittschuhlaufen. Das ist das einzige, was wir noch gemeinsam machen, seit er mich mit 4 Jahren das erste Mal auf Schlittschuhe gestellt hat. Bevor wir losfuhren habe ich ihm gesagt; "Ich würde gerne danach mal mit euch reden", und meine Eltern meinten; "Klar, wir haben ja Zeit". Völlig ausgepowert kamen wir nach 2 Stunden wieder zurück. Ich nahm mir einen Stuhl, und meine Eltern setzten sich sofort dazu.

Ich begann vorsichtig, ich sagte, dass ich an der Uni und in meiner Beziehung nur dann wirklich zufrieden und glücklich werden kann, wenn ich endlich mal die Dinge mit euch kläre.

"Wir können nicht miteinander reden!", begann ich. Wir haben in den letzten Jahren nie miteinander reden können. Ich habe nie mit meinem Vater direkt geredet, meine Mutter war immer die Vermittlerin. Alles lief immer über sie. Wir reden nie über uns selbst. Ihr kennt mich überhaupt nicht. Sobald ich zu euch nach Hause komme, bin ich wieder das 15 jährige Kind, und benehme mich auch so. Ich bin dann nicht der 26 jährige Student, und eigentlich wisst ihr überhaupt nichts über mich. Ihr wisst nicht, was ich an der Uni so mache, wie ich meine Zeit verbringe, und genausowenig kenne ich euch.

Das war noch vergleichsweise harmlos. Dann begann ich zu fragen. Zu fragen, warum sich mein Vater nicht mehr um mich gekümmert hat, seit ich etwa 11 war. Warum er sich nicht für das interessiert hat, was ich mache. Warum er mich in meinem Zimmer nie aufgesucht hat, als es mir schlecht ging. Warum er so wenig Interesse an mir gezeigt hat. Es brach einfach alle aus mir heraus. Ich habe ihnen gesagt, ich mag nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung, wenn dieser langjährige Schmerz noch vorhanden ist. Warum hat er mir immer das Gefühl gegeben, ich störe ihn, ich belaste ihn, ich mache ihm Arbeit?

In den letzten Monaten sah mein Verhalten etwa so aus. Ich bin verhältnismäßig oft zu meinen Eltern gefahren. Habe; "Hallo" gesagt, und als erstes geschaut, was im Kühlschrank war, und habe angefangen zu essen. Brot, Nudeln, Pudding, die ganze Palette Schlechtkost. Aber warum? Weil in Getreide und Milchprodukten Stoffe sind, die dem Opium verwandt sind, und mit denen man sich so wunderbar betäuben kann? Weil ich mich nach Liebe und Anerkennung von meinen Eltern gesehnt habe, und weil sie zu Hause nicht kam habe ich gefressen? Ja, ich denke das war der Grund.
Mein Vater hat nie gesagt, dass ich etwas gut kann. Wenn ich Gitarre gespielt habe, hieß es immer nur; "mach mal leiser!", und nie; "spiel mir doch mal was vor!".

Dann kam der entscheidende Moment in unserem Gespräch. Kürzlich ist ein Arbeitskollege meines Vaters gestorben, und zwar an Speiseröhrenkrebs. Aber mein Vater sprach nur davon, wann er zur Beerdigung muss, und ich habe ihn gefragt, warum es mich nie gefragt hat wie es mir geht. Die Antwort ist klar; weil er selbst nicht über sich sprechen kann. Er kann selbst nicht ausdrücken, wie es ihm geht. Ich sagte ihm; "Du redest nur über die Beerdiung, aber nicht, wie es dir dabei geht. Du kannst garnicht über dich selbst sprechen." Er sah mich an, öffnete den Mund, und wollte mir widersprechen, aber es kam nichts. Er wusste, das ich Recht habe. Mein Vater ist nicht in der Lage über sich selbst zu sprechen, und deshalb konnte er mich auch nie fragen, wie es mir geht. Danach bin ich aufgestanden, habe mir meinen alten Haarschneider genommen, und mir die Harre auf 3mm abrasiert. Das war nötig. Ich habe mich von diesem emotionalen Balast befreit gefühlt.

Als er mich dann noch mit dem Autor zurück zur Uni gefahren hatte, und wir uns verabschiedet hatten, sagte ich noch; "Ich hätte gerne eine Antwort von dir!", und er nickte...

Seit dem ist es wirklich ok für mich. Ich habe erkannt, dass ich die vielen Verletzungen von früher nicht mehr glauben muss. Sie müssen heute nicht mehr wahr sein. Ich muss mich nicht länger mit Brot und Milch betäuben! Ich muss die Dinge nicht glauben, die mein Vater früher zu mir gesagt hat. Das ich häßlich bin, in der Schule versage, und all die anderen Zurückweisungen. Ich kann an der Uni meinen Weg machen, erfolgreich sein, und zufrieden und glücklich leben. Ich muss den Leuten nicht glauben, die mich bremsen wollen.

Seit dem bin ich satt. Das Loch in meinem Magen ist geschlossen. Normalerweise hätte ich jetzt wieder angefangen ein paar Tage zu fasten, aber dieses hin und her zwischen zu viel essen, und überhauptnichts essen, war in meinem Fall wohl auch nur ein Art der Quälerei.

Die letzten drei Tage habe ich bewußt gegessen, und mir viel Zeit genommen.Habe mir Brommbeerblätter und anderes Grün gesammelt, habe dazu Mangos, Papayas, Ananas, und Avocados gegessen. Und das in einem Gefühl, dass ich mich mit mir und meinem Körper versöhnt habe...

Vielen Dank dieses zu lesen...
es grüßt euch und verabschiedet sich aus dem Forum...
Andreas





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